1 – Alexander Calder (BMW 3.0 CSL) 1975
1 – Alexander Calder (BMW 3.0 CSL) 1975

Vom Klassiker zum Kunstwerk

Die BMW Art Cars und mehr

Carsten Teves

Prolog; wenn das Automobil die Grenze zum Kunstwerk überschreitet

Wann wird aus einem Automobil mehr als die Summe aus Karosserie, Motor und Fahrwerk? Wann verliert sich die Grenze zwischen technischem Kulturgut, Designobjekt und Kunst?

Im August 2026 bot sich in München eine außergewöhnliche Gelegenheit, dieser Frage nachzugehen. Zum Abschluss der weltweiten Jubiläumstour anlässlich von 50 Jahren BMW Art Cars versammelte BMW vom 29. Juli bis zum 31. August erstmals alle 20 offiziellen BMW Art Cars gemeinsam in der BMW Welt. Fünf Jahrzehnte Kunst- und Automobilgeschichte standen damit buchstäblich nebeneinander. Vom BMW 3.0 CSL Alexander Calders aus dem Jahr 1975 bis zum BMW M Hybrid V8 von Julie Mehretu aus dem Jahr 2024.

Für uns bei Valore Classico ist eine solche Ausstellung aus einem weiteren Grund interessant. Sie führt geradezu exemplarisch vor Augen, dass der Wert eines besonderen Automobils nicht allein aus technischen Daten, Produktionszahlen oder seinem Erhaltungszustand entsteht. Provenienz, Zeitgeschichte, Persönlichkeiten und Geschichten können einem Fahrzeug eine zweite, immaterielle Ebene verleihen.

Bei den BMW Art Cars kommt noch eine weitere hinzu: die Kunst.

 

Eine Idee zwischen Rennstrecke und Atelier

Bemerkenswert ist zunächst, dass die BMW Art Cars ursprünglich keine Marketingidee aus einer Konzernzentrale waren.

Der Impuls kam 1975 vom französischen Rennfahrer und Auktionator Hervé Poulain. Poulain wollte seine beiden Leidenschaften, den Motorsport und Kunst, miteinander verbinden und mit einem von einem bedeutenden Künstler gestalteten Rennwagen bei den 24 Stunden von Le Mans antreten. Im damaligen BMW-Motorsportchef Jochen Neerpasch fand er einen Partner, der bereit war, diese ungewöhnliche Idee umzusetzen. Als Künstler gewann Poulain den amerikanischen Bildhauer Alexander Calder.

Calder verwandelte einen BMW 3.0 CSL in ein bewegtes Gefüge aus Rot, Gelb, Blau und Weiß. Und dieses Kunstwerk wurde keineswegs auf einen Sockel gestellt: Poulain startete damit 1975 in Le Mans.

Genau darin liegt bis heute der besondere Reiz des Konzepts. Das Automobil wird nicht lediglich zur Leinwand. Das technische Objekt, seine Bewegung und seine Funktion bleiben Bestandteil des Kunstwerks.

Aus dem zunächst einmaligen Experiment entwickelte BMW in den folgenden Jahrzehnten ein Kulturprojekt von bemerkenswerter Konsequenz. Künstler von Weltrang erhielten Fahrzeuge und weitgehende gestalterische Freiheit. BMW versteht die Sammlung heute als Teil eines wesentlich größeren Kulturengagements in zeitgenössischer Kunst, Musik, Film und Design.

Damit wurde der Automobilhersteller zum Kunstmäzen, allerdings auf eine ungewöhnliche Weise. BMW kaufte nicht einfach Kunst an, sondern stellte Künstlern eines der zentralen Industrieprodukte des 20. und 21. Jahrhunderts als Medium zur Verfügung.

Das Ergebnis ist heute zugleich eine kleine Geschichte der modernen Kunst.

 

Zwanzig Fahrzeuge – zwanzig Interpretationen ihrer Zeit

Gerade in der vollständigen Zusammenstellung wird sichtbar, wie stark die BMW Art Cars ihre jeweilige Epoche widerspiegeln. Pop-Art steht neben Abstraktion, indigener Kunst neben Konzeptkunst und digitaler Kunst. BMW selbst bezeichnet die Sammlung entsprechend als Querschnitt durch fünf Jahrzehnte Kunstgeschichte.

1 – Alexander Calder (BMW 3.0 CSL) 1975
Kräftige Primärfarben und geschwungene Flächen übertragen Calders Beschäftigung mit Bewegung und Dynamik auf den Rennwagen. Das erste Art Car begründete zugleich die Idee des Automobils als bewegte Skulptur.

2 – Frank Stella (BMW 3.0 CSL) 1976
Stella überzog den CSL mit einem schwarz-weißen Raster, das an Millimeterpapier beziehungsweise technische Konstruktionszeichnungen erinnert. Die Geometrie der Karosserie wird nicht verborgen, sondern geradezu vermessen und sichtbar gemacht.

3 – Roy Lichtenstein (BMW 320i Turbo) 1977
Lichtensteins charakteristische Ben-Day-Dots treffen auf eine Landschaft aus Linien, Himmel sowie auf- und untergehender Sonne. Das Werk spielt zugleich mit dem 24-Stunden-Rhythmus von Le Mans.

4 – Andy Warhol (BMW M1) 1979
Vielleicht das berühmteste BMW Art Car. Warhol bemalte den M1 selbst und benötigte dafür lediglich rund 28 Minuten. Die verwischten Farbflächen sollten Geschwindigkeit darstellen: Ein schnell fahrendes Auto verändert nach Warhols Vorstellung optisch seine Konturen.

5 – Ernst Fuchs (BMW 635 CSi) 1982
Mit dem Werk „Feuerfuchs auf Hasenjagd“ übertrug der Vertreter der Wiener Schule des Phantastischen Realismus eine beinahe mythologische Bildwelt auf das große BMW Coupé.

6 – Robert Rauschenberg (BMW 635 CSi) 1986
Fotografische Motive und Reproduktionen klassischer Kunstwerke verbinden sich mit dem Automobil. Das Fahrzeug wird zu einer mobilen Collage und stellt zugleich die Frage nach Original und Reproduktion.

7 – Michael Jagamara Nelson (BMW M3 Gruppe A) 1989
Der australische Künstler übertrug traditionelle Papunya-Malerei und ihre komplexen geometrischen Strukturen auf den M3. Das Automobil wird zum Träger einer wesentlich älteren Bild- und Erzähltradition.

8 – Ken Done (BMW M3 Gruppe A) 1989
Done interpretiert Geschwindigkeit, Natur und die intensive Farbigkeit Australiens. Das Ergebnis ist bewusst lebensfroh und unmittelbar.

9 – Matazo Kayama (BMW 535i) 1990
Der japanische Künstler verband traditionelle japanische Gestaltungsmittel mit einem modernen Industrieprodukt und schlug damit eine Brücke zwischen kultureller Tradition und technischer Moderne.

10 – César Manrique (BMW 730i) 1990
Kräftige Farben und organische Formen erinnern an Landschaft, Bewegung und Natur – zentrale Themen im Werk des Künstlers von Lanzarote.

11 – A. R. Penck (BMW Z1) 1991
Archaisch wirkende Zeichen und Figuren treffen auf einen der technisch ungewöhnlichsten BMW seiner Zeit. Pencks Bildsprache wirkt beinahe wie eine moderne Höhlenmalerei auf einem Hightech-Sportwagen.

12 – Esther Mahlangu (BMW 525i) 1991
Mahlangu übertrug die traditionelle geometrische Formensprache der südafrikanischen Ndebele auf das Automobil. Sie war zugleich die erste Frau, die ein offizielles BMW Art Car gestaltete.

13 – Sandro Chia | BMW M3 GTR | 1992
Chia bedeckte die Karosserie mit Gesichtern, Figuren und Zeichen. Der Wagen scheint seine Betrachter ebenso zu beobachten, wie diese ihn betrachten.

14 – David Hockney | BMW 850 CSi | 1995
Hockney ging einen besonders intelligenten Weg: Er wollte nicht lediglich die äußere Hülle gestalten, sondern sichtbar machen, was sich hinter ihr befindet. Motor, Fahrer, Innenraum und sogar der Hund auf der Rückbank werden gewissermaßen nach außen gekehrt. Aus dem Automobil wird eine transparente Vorstellung seiner selbst.

15 – Jenny Holzer (BMW V12 LMR) 1999
Holzer arbeitete nicht primär mit Bildern, sondern mit Sprache. Ihre für die Konzeptkunst charakteristischen Textbotschaften machten den Le-Mans-Prototyp zum fahrenden Träger von Gedanken und Widersprüchen.

16 – Ólafur Elíasson (BMW H2R) 2007
Eliasson entfernte sich besonders weit vom klassischen Begriff des bemalten Automobils. Seine Auseinandersetzung mit Eis, Energie und Wasser stellte Fragen nach Mobilität, Ressourcen und Nachhaltigkeit.

17 – Jeff Koons (BMW M3 GT2) 2010
Explodierende Farblinien vermitteln Geschwindigkeit bereits im Stillstand. Koons verband die Ästhetik von Comics und Popkultur mit einem kompromisslosen Rennwagen – und schickte auch dieses Kunstwerk nach Le Mans.

18 – Cao Fei (BMW M6 GT3) 2016
Das erste digitale BMW Art Car erweiterte das physische Fahrzeug um Video und Augmented Reality. Kunst existierte hier nicht mehr ausschließlich auf der Karosserie, sondern ebenso im virtuellen Raum.

19 – John Baldessari | BMW M6 GTLM | 2016
Minimalistische Farbflächen, grafische Elemente und das unübersehbare Wort „FAST“ reduzieren das Rennfahrzeug mit hintergründigem Humor auf seine vermeintlich einfachste Bestimmung.

20 – Julie Mehretu (BMW M Hybrid V8) 2024
Mehretu übertrug Elemente ihres monumentalen Gemäldes „Everywhen“ auf den Le-Mans-Prototyp. Fotografische Fragmente, Raster, Neonfarben und gestische Linien bilden eine komplexe, geradezu beschleunigte Oberfläche. Wenige Wochen nach seiner Präsentation trat auch dieses Art Car in Le Mans an.

So betrachtet dokumentieren die zwanzig Fahrzeuge weit mehr als fünf Jahrzehnte BMW-Geschichte. Sie dokumentieren einen Wandel der Kunst selbst – von Malerei und Pop-Art über Konzeptkunst bis zur digitalen und multimedialen Arbeit.

1 – Alexander Calder (BMW 3.0 CSL) 1975
7 – Michael Jagamara Nelson (BMW M3 Gruppe A) 1989

Vom Kunstwerk zur Edition – Jeff Koons und der BMW 8er

Eine besonders interessante Weiterentwicklung des Art-Car-Gedankens erfolgte 2022.

Jeff Koons hatte bereits 2010 mit dem BMW M3 GT2 das 17. offizielle BMW Art Car geschaffen. Zwölf Jahre später kehrte er zu BMW zurück – diesmal jedoch mit einem entscheidenden Unterschied.

Aus dem Einzelstück wurde eine Edition.

THE 8 X JEFF KOONS basiert auf dem BMW M850i xDrive Gran Coupé und entstand in einer weltweiten Auflage von lediglich 99 Exemplaren. Damit überführte BMW das Prinzip des Art Cars erstmals konsequent vom musealen beziehungsweise motorsportlichen Einzelstück in eine käufliche Kleinserie für die Straße.

Die Gestaltung greift Motive des M3 GT2 von 2010 auf: intensive Farben, Bewegungslinien, comicartige Elemente und eine regelrechte Farbexplosion am Heck. Insgesamt umfasst das Exterieur elf Farben. Die Fertigung war derart aufwendig, dass lediglich zwei Fahrzeuge pro Woche hergestellt werden konnten. Jedes Exemplar wurde mit einem großformatigen Echtheitszertifikat ausgeliefert, das unter anderem von Jeff Koons und BMW-Vorstandsvorsitzendem Oliver Zipse signiert wurde.

Bemerkenswert war auch der Preis.

Während ein regulärer M850i xDrive Gran Coupé seinerzeit in Deutschland bei etwa 126.000 Euro begann, lag der Preis der Koons-Edition bei rund 350.000 Euro.

Doch bereits wenige Wochen nach der Vorstellung lieferte der Markt ein bemerkenswertes Signal.

Das letzte der 99 produzierten Fahrzeuge – zugleich das einzige von Koons direkt am Fahrzeug signierte Exemplar – wurde am 4. April 2022 bei Christie's in New York für 475.000 US-Dollar versteigert. Der Erlös kam dem International Centre for Missing & Exploited Children zugute. Die gesamte Serie war zu diesem Zeitpunkt bereits innerhalb von rund drei Wochen ausverkauft.

Damit entsteht eine faszinierende Zwischenform:

Automobil – Kunstwerk – Edition – Sammlerobjekt.

Das Fahrzeug besitzt weiterhin Fahrgestellnummer, Zulassung und Gebrauchsfunktion. Gleichzeitig trägt es die unmittelbare gestalterische Autorenschaft eines der international bekanntesten Gegenwartskünstler.

Die Frage, ob man hier noch einen besonders seltenen BMW oder bereits ein multiples Kunstwerk bewertet, lässt sich kaum eindeutig beantworten.

Gerade das macht ihn interessant.

17 – Jeff Koons (BMW M3 GT2) 2010
THE 8 X JEFF KOONS basiert auf dem BMW M850i xDrive Gran Coupé

Kunst auf Rädern gab es auch jenseits von BMW

BMW hat aus der Verbindung von Automobil und Kunst eine institutionalisierte Tradition geschaffen. Die vielleicht emotionalsten Beispiele entstanden jedoch völlig unabhängig von Herstellerprogrammen.

Zwei Fahrzeuge der 1960er-Jahre zeigen dies besonders eindrucksvoll.

John Lennons Rolls-Royce Phantom V

Als John Lennon seinen Rolls-Royce Phantom V im Dezember 1964 bestellte, entsprach das Fahrzeug zunächst durchaus der repräsentativen Tradition der Marke, wenn auch in ungewöhnlich konsequentem Schwarz.

Doch Lennon wäre nicht Lennon gewesen, hätte es dabei sein Bewenden gehabt.

Im Mai 1967, unmittelbar vor der Veröffentlichung von Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band, wurde der Phantom gelb lackiert und anschließend mit roten, orangefarbenen, grünen und blauen Ornamenten, floralen Motiven und Lennons Sternzeichen bemalt. Der konservative Inbegriff britischer Automobilkultur wurde damit zu einem Symbol der psychedelischen Gegenkultur und des „Summer of Love“.

Die Reaktionen waren entsprechend heftig. Rolls-Royce selbst überliefert die Geschichte einer älteren Dame, die den Wagen in London sah, empört fragte, wie man so etwas einem Rolls-Royce antun könne, und mit ihrem Regenschirm auf das Auto einschlug.

Heute erscheint gerade dieser damalige Tabubruch als wesentlicher Teil seiner Bedeutung.

Als der Phantom 1985 bei Sotheby's in New York versteigert wurde, erzielte er 2,299 Millionen US-Dollar, nahezu das Zehnfache der damaligen Erwartung und seinerzeit einen Rekordpreis für ein bei einer Auktion verkauftes Automobil.

Bezahlt wurde offensichtlich nicht allein ein Rolls-Royce Phantom V.

Bezahlt wurden Lennon, die Beatles, Sgt. Pepper, die 1960er-Jahre und ein Stück Popkultur.

 

Janis Joplins Porsche 356 – „History of the Universe“

Kaum ein Fahrzeug verdeutlicht diesen Zusammenhang schöner als der Porsche von Janis Joplin.

Joplin kaufte 1968 einen vier Jahre alten Porsche 356 C 1600 SC Cabriolet für 3.500 US-Dollar. Der Wagen war zunächst grau – für eine Persönlichkeit wie Joplin offenbar auf Dauer zu zurückhaltend.

Sie übergab ihn Dave Richards, einem Roadie ihrer Band Big Brother and the Holding Company, und zahlte ihm 500 Dollar für eine individuelle Gestaltung. Richards lackierte den Porsche zunächst Candy Apple Red und schuf anschließend das psychedelische Bildprogramm „History of the Universe“.

Anders als viele wertvolle Sammlerfahrzeuge wurde der Porsche anschließend keineswegs behütet weggestellt.

Joplin fuhr ihn.

Das Auto wurde dadurch zu einem Bestandteil ihrer öffentlichen Persönlichkeit. Es war Kunstwerk, Gebrauchsgegenstand und Ausdruck der amerikanischen Gegenkultur zugleich.

Nach Joplins Tod blieb der Wagen in Familienbesitz und wurde später rund zwei Jahrzehnte in der Rock and Roll Hall of Fame gezeigt. Im Dezember 2015 boten ihn ihre Geschwister bei RM Sotheby's in New York an.

Die Schätzung lag bei 400.000 bis 600.000 US-Dollar.

Nach einem Bietergefecht zwischen sieben Interessenten fiel der Hammer bei 1,76 Millionen US-Dollar. Damit stellte der Wagen seinerzeit einen neuen Auktionsrekord für einen Porsche 356 auf.

Zum Vergleich: Ein hervorragend restaurierter 356 C 1600 SC Cabriolet ohne eine derartige Provenienz erzielte beispielsweise 2024 bei RM Sotheby's 362.500 US-Dollar; ein anderes Exemplar wurde 2025 in Paris für 149.500 Euro verkauft.

Die Differenz ist kaum mit Motorleistung, Zustand oder Seltenheit zu erklären.

Sie ist der Preis einer Geschichte.

John Lennons Rolls-Royce Phantom V, Baujahr 1964 (Quelle: Brtish GQ's, 2019)
Janis Joplins Porsche 356 – „History of the Universe“ (Quelle: Ian Cameron/Flickr)

Wenn Provenienz selbst zum Wertfaktor wird

Für die Bewertung klassischer Automobile ist genau dieser Punkt besonders interessant.

Üblicherweise sprechen wir über Originalität, Matching Numbers, Karosseriezustand, Lack, Historie, Laufleistung, Produktionszahlen, Restaurierungsqualität und Marktnachfrage.

All das bleibt richtig.

Doch außergewöhnliche Automobile besitzen gelegentlich eine zusätzliche Dimension: kulturelle Provenienz.

John Lennons Rolls-Royce wäre ohne Lennon ein Phantom V.

Janis Joplins Porsche wäre ohne Joplin ein 356 SC Cabriolet.

Der Koons-M850i wäre ohne Koons ein ausgesprochen leistungsfähiger BMW 8er.

Und Warhols BMW M1 wäre ohne die 28 Minuten, in denen Andy Warhol selbst mit dem Pinsel um das Auto ging, zunächst einmal ein historisch bedeutender Rennwagen.

Mit ihren Geschichten werden diese Automobile jedoch zu etwas anderem.

Der internationale Klassikerexperte Simon Kidston bringt diesen Gedanken in einem persönlichen Zusammenhang besonders treffend zum Ausdruck. Über Fahrzeuge mit familiärer Vergangenheit sagte er:

„It’s not about what they are worth, it’s the human story behind them that I think that is the most precious thing.“

Dieser Gedanke reicht weit über prominente Vorbesitzer hinaus.

Auch ein vermeintlich gewöhnlicher Klassiker kann durch seine Geschichte außergewöhnlich werden: durch einen Erstbesitzer, eine jahrzehntelange Familiengeschichte, eine besondere Reise, einen Wettbewerbseinsatz, eine ungewöhnliche Erhaltung oder durch Spuren, die von Jahrzehnten authentischer Nutzung erzählen.

Gerade deshalb ist Provenienz mehr als eine Sammlung alter Rechnungen.

Sie gibt einem historischen Fahrzeug Kontext.

 



 

Epilog – Vom Klassiker zum Kunstwerk

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Faszination historischer Automobile.

Ein Klassiker ist zunächst ein technisches Objekt. Er erzählt von Konstruktion, Werkstoffen, Fertigung und Design seiner Epoche. Mit zunehmendem Alter kommen weitere Ebenen hinzu: seine Besitzer, Reisen, Erlebnisse, Veränderungen und Gebrauchsspuren.

Aus Technik wird Geschichte.

Und manchmal kommt noch die Kunst hinzu.

Dann begegnen sich zwei Welten, die auf den ersten Blick unterschiedlich erscheinen und doch erstaunlich viel gemeinsam haben. Denn sowohl bei bedeutender Kunst als auch bei bedeutenden historischen Automobilen geht es um Authentizität, Herkunft, Originalität, Kontext und die Kraft einer Geschichte.

Die zwanzig BMW Art Cars zeigen dies in einzigartiger Konsequenz. Vom Calder-CSL über Warhols M1 und Hockneys 850 CSi bis zu Julie Mehretus M Hybrid V8 dokumentieren sie nicht nur fünf Jahrzehnte Automobilgeschichte. Sie spiegeln fünf Jahrzehnte gesellschaftlicher, ästhetischer und künstlerischer Veränderung.

John Lennons Phantom und Janis Joplins Porsche wiederum zeigen, dass ein solches Kunstwerk nicht zwingend durch ein kuratiertes Herstellerprojekt entstehen muss. Manchmal genügt eine außergewöhnliche Persönlichkeit, ein Automobil und der Wunsch, etwas Eigenes daraus zu machen.

Vielleicht ist deshalb die Frage, ob ein besonderes historisches Fahrzeug nun Automobil, Kulturgut oder Kunstwerk ist, am Ende gar nicht entscheidend.

Die interessantesten Klassiker sind selten nur Autos.

Es sind die Menschen, die sie entworfen, gebaut, gefahren und bewahrt haben. Es sind ihre Erlebnisse und ihre Geschichten, die ihnen jene Individualität verleihen, die sich weder restaurieren noch reproduzieren lässt.

Und wenn zu einer außergewöhnlichen Technik, einer außergewöhnlichen Provenienz und einer außergewöhnlichen Geschichte schließlich noch große Kunst hinzukommt, entsteht etwas ausgesprochen Seltenes:

Aus dem Klassiker wird ein Kunstwerk.