Mille Miglia 2026 – und doch so viel mehr
Prolog
Bei Valore Classico Consulting widmen wir uns der professionellen Schadens- und Wertermittlung von Klassikern und Liebhaberfahrzeugen auf höchstem fachlichen Niveau. Doch wer sich über viele Jahre mit historischen Automobilen beschäftigt, erkennt schnell, dass deren Faszination weit über technische Daten, Originalitätsgrade oder Marktwerte hinausreicht.
Ein klassisches Automobil ist niemals nur ein Objekt aus Stahl, Aluminium, Leder und Glas. Es ist vielmehr Träger von Erinnerungen, Zeitzeugnis und Kulturgut zugleich. Es sind die Menschen, die ein Fahrzeug bewegten, die Orte, die es gesehen hat, die Rennen, die es bestritt, und die Geschichten, die sich um seine Existenz ranken.
Simon Kidston, einer der renommiertesten Klassikexperten unserer Zeit brachte diesen Gedanken einmal treffend auf den Punkt:
„Great cars are about the human stories behind them, otherwise they're just metal.“
(„Großartige Automobile leben von den menschlichen Geschichten hinter ihnen – ansonsten sind sie lediglich Metall.“)
Kaum eine Veranstaltung verkörpert diesen Gedanken eindrucksvoller als die Mille Miglia. Sie ist nicht nur eine Gleichmäßigkeitsprüfung für historische Automobile. Sie ist eine Reise durch die Geschichte Italiens, durch Landschaften von einzigartiger Schönheit und durch jene Geschichten, die den Mythos des Automobils bis heute lebendig halten.
Diesem Motto sind wir gefolgt und haben in diesem Jahr unsere Alfa Romeo Giulia mit an den Gardasee gebracht. Neben der Tatsache; dass es wohl eines der italienischsten Automobile überhaupt ist, verbindet mich mit dem Wagen auch; dass er sich mit mir auf Monat und Jahr ( August 1971) sein Geburtsdatum teilt.

Carsten Teves
1. Die Mille Miglia – Geschichte und Gegenwart
Als die Mille Miglia im Jahr 1927 erstmals ausgetragen wurde, ahnte niemand, dass daraus eines der legendärsten Automobilevents der Welt entstehen würde. Die rund eintausend römischen Meilen – etwa 1.600 Kilometer – führten von Brescia nach Rom und wieder zurück.
Zwischen 1927 und 1957 entwickelte sich die Mille Miglia zum Inbegriff des Straßenrennsports. Namen wie Nuvolari, Varzi, Moss oder Fangio schrieben hier Motorsportgeschichte. Besonders Stirling Moss' Rekordfahrt von 1955 auf Mercedes-Benz 300 SLR gilt bis heute als eine der größten Leistungen des Motorsports.
Nach dem tragischen Unfall von Alfonso de Portago im Jahr 1957 wurde das Straßenrennen eingestellt. Erst 1977 kehrte die Mille Miglia als historische Gleichmäßigkeitsveranstaltung zurück.
Heute dürfen ausschließlich Fahrzeuge teilnehmen, deren Baureihen bereits bei der ursprünglichen Mille Miglia zwischen 1927 und 1957 startberechtigt waren. Jedes Jahr verwandeln über 400 historische Automobile aus mehr als 30 Nationen die Straßen Italiens in ein rollendes Museum der Automobilgeschichte. Die Ausgabe 2026 führte die Teilnehmer über nahezu 2.000 Kilometer durch zahlreiche Regionen Italiens und bestätigte einmal mehr den Ruf der Mille Miglia als „la corsa più bella del mondo“ – das schönste Rennen der Welt.
Doch die eigentliche Magie entsteht nicht auf den Wertungsprüfungen. Sie entsteht entlang der Strecke.
Neben der eigentlichen Mille Miglia hat sich in den vergangenen Jahren eine weitere Veranstaltung etabliert, die den Mythos der „Freccia Rossa“ auf besondere Weise ergänzt: die Ferrari Tribute 1000 Miglia.
Diese seit 2010 ausgetragene Gleichmäßigkeitsveranstaltung ist ausschließlich Fahrzeugen aus Maranello vorbehalten und begleitet die historische Mille Miglia. Die Teilnehmer absolvieren dabei nahezu die identische Route wie die historischen Fahrzeuge und erleben somit die Faszination der legendären Brescia–Rom–Brescia-Strecke aus der Perspektive moderner Ferrari-Modelle.
Der Ferrari Tribute versteht sich dabei nicht als sportlicher Gegenentwurf zur Mille Miglia, sondern vielmehr als Hommage an die enge historische Verbindung zwischen Ferrari und dem berühmtesten Straßenrennen der Welt. Die Veranstaltung ermöglicht heutigen Ferrari-Eigentümern, jene Straßen, Landschaften und Städte zu erleben, auf denen die Marke ihre Legende begründete.

2. Exkurs I – Die Strada della Forra: Italiens spektakulärste Straße
Am Westufer des Gardasees, nahe Tremosine sul Garda, befindet sich eine Straße, die für viele Kenner zu den eindrucksvollsten Straßen Europas zählt: die Strada della Forra.
Eröffnet im Jahr 1913, windet sie sich durch eine dramatische Felsschlucht, die der Torrente Brasa über Jahrtausende in das Gestein geschnitten hat. Tunnel, Brücken und enge Kurven folgen dem natürlichen Verlauf der Schlucht und schaffen eine Kulisse, die eher an einen Film als an ein Ingenieurbauwerk erinnert.
Die Straße erlangte weltweite Bekanntheit, als Winston Churchill sie angeblich als das „achte Weltwunder“ bezeichnete. Auch wenn die genaue historische Quellenlage hierzu nicht völlig zweifelsfrei ist, wird diese Zuschreibung bis heute vielfach mit der Strada della Forra verbunden.
Spätestens seit dem James-Bond-Film Ein Quantum Trost zählt die Strecke zu den bekanntesten Panoramastraßen Europas. Für Fahrer historischer Automobile, aber nicht nur ausschließlich für Diese, besitzt sie jedoch einen ganz besonderen Reiz.
Hier wird das Automobil nicht zum Transportmittel, sondern zum Erlebnisgerät.
In jüngerer Vergangenheit geriet die Straße allerdings selbst in die Schlagzeilen. Wiederholte Felsstürze und geologische Sicherungsmaßnahmen führten über Jahre hinweg zu erheblichen Einschränkungen und langen Sperrungen. Umfangreiche Sanierungs- und Sicherungsarbeiten machten deutlich, wie schwierig der Erhalt eines derart spektakulären Bauwerks in einer geologisch anspruchsvollen Umgebung ist. Erst nach langwierigen Maßnahmen konnten größere Abschnitte wieder für den Verkehr freigegeben werden.
Umso glücklicher waren wir in diesem Sommer nach vielen Jahren der Abstinenz mal wieder dieses unvergleichliche Erlebnis genießen zu dürfen.
Wer die Strada della Forra befährt, versteht unmittelbar, weshalb die Mille Miglia weit mehr ist als ein Wettbewerb. Sie führt ihre Teilnehmer zu Orten, die allein bereits eine Reise wert wären.


3. Exkurs II – Das Mincio-Tal und Borghetto sul Mincio
Nur wenige Kilometer südlich des Gardasees entspringt der Mincio als einziger Abfluss des Sees. Sein Weg führt durch eine der reizvollsten Kulturlandschaften Norditaliens, bevor er schließlich bei Mantua in den Po mündet.
Besonders malerisch präsentiert sich das Tal bei Borghetto sul Mincio, einem kleinen Ortsteil der Gemeinde Valeggio sul Mincio. Wer Italien abseits der großen Touristenströme kennenlernen möchte, findet hier einen nahezu idealtypischen Ort norditalienischer Romantik.
Bereits im Mittelalter entwickelte sich Borghetto zu einem strategisch bedeutsamen Standort. Die mächtigen Befestigungsanlagen der Scaliger aus Verona zeugen noch heute von der einstigen militärischen Bedeutung des Gebietes. Die Visconti-Brücke, ein monumentales Bauwerk aus dem 14. Jahrhundert, überspannt das Tal und gehört zu den eindrucksvollsten Ingenieurleistungen ihrer Epoche.
Heute prägen historische Wassermühlen, kleine Natursteinhäuser und die sanft dahinfließenden Wasser des Mincio das Bild. Besonders bekannt ist die Region zudem für die sogenannten Tortellini di Valeggio, die als kulinarisches Wahrzeichen gelten.
Für Teilnehmer und Zuschauer der Mille Miglia bildet die Passage durch diese Landschaft einen jener Momente, in denen die Grenzen zwischen Automobilsport, Kulturgeschichte und Landschaftserlebnis verschwimmen. Das Mincio-Tal verkörpert jene stille Schönheit, die den Mythos Italien seit Generationen prägt.


4. Die Ergebnisse der Mille Miglia 2026
Doch nun zurück zur Mille Miglia 2026; die 44. Ausgabe der historischen Neuauflage endete erneut mit einem Triumph für Alfa Romeo.
Den Gesamtsieg errangen Juan Tonconogy und Margarita Tonconogy aus Argentinien auf einem Alfa Romeo 6C 1750 Gran Sport Spider Zagato von 1931. Für Juan Tonconogy bedeutete dies bereits seinen vierten Erfolg bei der Mille Miglia, während es zugleich der erste gemeinsame Sieg des Geschwisterduos war.
Die Top-Platzierungen im Überblick:
Platz | Fahrerteam | Fahrzeug |
1 | Juan Tonconogy / Margarita Tonconogy | Alfa Romeo 6C 1750 GS Spider Zagato (1931) |
2 | Andrea Vesco / Fabio Salvinelli | Alfa Romeo 6C 1750 SS Spider Zagato (1929) |
3 | Lorenzo Turelli / Mario Turelli | O.M. 665 S MM Superba (1929) |
4 | Daniel Erejomovich / Gustavo Llanos | Alfa Romeo 6C 1500 SS (1929) |
5 | Andrea Luigi Belometti / Cristian Ricca | Lancia Lambda Spider Tipo 221 (1929) |
Offiziell 459 Fahrzeuge aus 33 Nationen nahmen an der Veranstaltung teil. Die Route umfasste knapp 2.000 Kilometer und verband technische Präzision mit einigen der schönsten Landschaften Italiens.
Bemerkenswert ist zudem die anhaltende Dominanz der Marke Alfa Romeo. Bereits während der ursprünglichen Rennära war Alfa Romeo die erfolgreichste Marke der Veranstaltung und knüpfte 2026 erneut an diese außergewöhnliche Historie an.


5. Epilog
Wer die Mille Miglia lediglich anhand ihrer Ergebnislisten betrachtet, verkennt ihren eigentlichen Charakter.
Natürlich faszinieren die Fahrzeuge.
Natürlich begeistern die sportlichen Leistungen.
Doch der wahre Wert dieser Veranstaltung liegt in etwas anderem: in ihrer Fähigkeit, Geschichte erlebbar zu machen.
Die Mille Miglia verbindet Menschen, Landschaften, Architektur, Kulinarik, Ingenieurskunst und Automobilkultur zu einem Gesamterlebnis, das seinesgleichen sucht. Zwischen Brescia und Rom entstehen jedes Jahr neue Erinnerungen, während gleichzeitig die Geschichten vergangener Jahrzehnte weitergetragen werden.
Für uns bei Valore Classico Consulting ist genau dies der Kern automobiler Leidenschaft. Ein Klassiker besitzt nicht allein einen Marktwert oder einen Wiederbeschaffungswert. Sein eigentlicher Wert liegt oftmals in dem kulturellen und emotionalen Kontext, der ihn umgibt.
Die Strada della Forra, das Mincio-Tal, die historischen Ortskerne entlang der Route und die Menschen am Straßenrand sind deshalb keine Randerscheinungen der Mille Miglia. Sie sind ein wesentlicher Teil ihres Mythos.
Dieses Jahr haben wir damit begonnen, in Form unserer Exkurse auch erwähnenswerte Orte entlang der Mille Miglia zu besuchen. Das wollen wir in den nächsten Jahren fortführen um Ihnen, dem Leser, die Gelegenheit zu geben, diese Kleinode selbst zu erkunden und eigene Erinnerungen dazuzugewinnen.
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Darüber hinaus stehen wir mit unserer Expertise rund um das Thema Gutachten und Klassiker gerne zur Verfügung.








